Botschaft von Patriarch Sako

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Dringende Botschaft von Patriarch Louis Raphael I Sako, dem katholisch-chaldäischen Patriarchen von Bagdad.

Christen von Mossul: Wohin?

An alle im Irak und in der Welt, die ein lebendiges Gewissen haben
An unsere moderaten muslimischen Brüder, die eine Stimme im Irak und in der ganzen Welt haben
An alle, die darum besorgt sind, dass der Irak ein Land für all seine Kinder bleibt
An alle geistigen Führer und Meinungsführer
An alle, die die Freiheit des Menschen verkünden
An alle, die die Würde des Menschen und der Religion beschützen

FRIEDEN UND GNADE GOTTES!

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Die Kontrolle, die von den islamistischen Dschihadisten über die Stadt Mossul ausgeübt wird, und die Ausrufung eines Islamischen Staates nach mehreren Tagen der Ruhe und der abwartenden Beobachtung der Ereignisse, hat nun negative Auswirkungen auf die christliche Bevölkerung der Stadt und ihrer Umgebung.  

Der Anfangspunkt lag in der Entführung von zwei Ordensfrauen und drei jugendlichen Waisen, die nach 17 Tagen freigelassen wurden. Zu diesem Zeitpunkt erlebten wir ein Aufstrahlen der Hoffnung und ein sich Auflichten des Himmels nach den aufgezogenen Gewitterwolken.

Plötzlich wurden wir überrascht von den jüngeren Ereignissen in Gestalt der Ausrufung eines Islamischen Staates und dem Aufruf an alle Christen, in dem sie eindeutig aufgefordert wurden, zum Islam zu konvertieren oder die Dschizya (eine Steuer, die alle Nicht-Muslime zu zahlen haben, wenn sie in islamischen Gebiet leben) – ohne dabei die genaue Summe festzulegen. Die einzige Alternative ist, die Stadt und die eigenen Häuser zu verlassen und nichts anderes mitzunehmen als die Kleidung, die sie am Leib tragen. Darüber hinaus sind die Häuser, die sie verlassen, gemäß islamischem Recht nicht mehr länger ihr Eigentum, sondern werden sofort als Eigentum des Islamischen Staates konfisziert

In den vergangenen Tagen wurde der Buchstabe “N” auf Arabisch auf die Häuserfronten der christlichen Häuser geschrieben, der ‘Nazara’ (=Christ) bedeutet. An die Frontmauer der schiitischen Häuser wurde der Buchstabe „R“ geschrieben, der ‚Rwafidh‘ bedeutet (Protestanten oder Zurückweiser). Wir wissen nicht, was in den kommenden Tagen geschehen wird, da in einem Islamischen Staat das Islamische Gesetz der Scharia stark ist und so interpretiert wird, dass neue Personalausweise für die Bevölkerung ausgestellt werden müssen, die auf religiöser oder konfessioneller Zugehörigkeit basieren.

Diese Kategorisierung, die auf Religionszugehörigkeit bzw. auf der Zugehörigkeit zu religiösen Splittergruppen basiert, plagt auch die Muslime und verletzt die Regel des islamischen Denkens, die im Koran Ausdruck findet und besagt: „Du hast deine Religion und ich habe meine Religion“. Und eine andere Koranstelle sagt: „Es gibt in der Religion keinen Zwang“. Dies ist genau der Widerspruch im Leben und der Geschichte der islamischen Welt seit mehr als 1400 Jahren und im Zusammenleben mit anderen verschiedenen Religionen und Nationen im Osten und Westen.

Mit allem gebührenden Respekt vor dem Glauben und den Dogmen, gab es ein brüderliches Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen. Wie viel haben die Christen seit den Anfängen des Islam hier im Osten geteilt! Sie haben jeden süßen und bitteren Lebensumstand geteilt; christliches und muslimisches Blut hat sich gemischt, wenn sie es vergossen haben, um ihre Rechte und ihre Länder zu verteidigen. Gemeinsam bauten sie eine Zivilisation, Städte und ein Erbe auf. Es ist wahrhaft ungerecht, die Christen nun abzulehnen, sie fortzujagen und für nichts zu erachten.

Es ist klar, dass das Ergebnis dieser rechtlich festgelegten Diskriminierung die sehr gefährliche Eliminierung der Möglichkeit eines Zusammenlebens zwischen Mehrheiten und Minderheiten sein wird. Es wird auch für die Muslime selbst sehr schädlich sein, sowohl in der nahen als auch in der ferneren Zukunft.

Sollte diese Richtung weiterverfolgt werden, wird der Irak mit einer menschlichen, zivilen und historischen Katastrophe  konfrontiert sein.   

Mit aller Kraft, die uns zur Verfügung steht, appellieren wir an Sie. Wir appellieren brüderlich und in einem Geist der menschlichen Brüderlichkeit an Sie. Wir appellieren dringlich an Sie und werden dabei gedrängt von dem Risiko, und wir tun es trotz des Risikos. Wir flehen insbesondere unsere irakischen Brüder an und bitten sie darum, die Strategie, die sie verfolgen, noch einmal zu überdenken und darüber nachzudenken, und wir fordern sie auf, die unschuldigen und wehrlosen Menschen aller Nationalitäten, Religionen und Denominationen zu respektieren.

    Der heilige Koran hat die Gläubigen dazu aufgefordert, die Unschuldigen zu achten, und hat sie niemals dazu aufgerufen, die Besitztümer, das Eigentum und das Hab und Gut anderer gewaltsam an sich zu nehmen. Der Koran gebietet, den Witwen, den Waisen, den Armen und den Wehrlosen Schutz zu gewähren und „den siebten Nachbarn“ zu respektieren.    

Wir rufen alle Christen in der Region dazu auf, mit Verstand und Klugheit zu handelt und alles in bestmöglicher Weise zu überdenken und zu planen. Mögen sie verstehen, was für diese Region geplant ist, um Solidarität in Liebe zu üben, die Realitäten gemeinsam zu untersuchen und so in der Lage zu sein, gemeinsam einen Weg zu finden, Vertrauen zu sich selbst und zum Nächsten aufzubauen. Mögen sie nahe zu ihrer eigenen Kirche stehen und sie umgeben und standhalten in der Zeit der Prüfung und beten, bis der Sturm vorüber sein wird.

 

† Louis Raphael Sako

Patriarch von Babylon der Chaldäer

17 Juli 2014